Schulanfang

Das Zuckerbrot in der Zuckertüte soll den Blick für die Peitsche verstellen…

Meine Enkel Ole und Lennart werden in der nächsten Woche eingeschult. Schon allein der Begriff: „eingeschult“ !! hört sich an wie „eingeritten“ – und irgendwo ist ja auch was dran, dass sie eingeritten werden sollen. Mit einer Zuckertüte am Anfang will man ihnen den Blick für die Realitäten vernebeln, denn hinter dem Zuckerbrot lauert die Peitsche.
Was liegt alles vor ihnen, vor diesen armen Kerlen! Ich weiß, wovon ich rede!
Jene albernen Mathe–Aufgaben, bei denen in ein Schwimmbecken aus einem Loch was reinläuft und aus einem anderen was raus. Dann soll man ausrechnen, wann das Becken voll ist und kein Mathelehrer kommt auf die Idee, erst mal das Loch, aus dem was rausläuft, zuzustopfen. Biologiestunden liegen vor ihnen, wo sie anhand der Bienen in die Geheimnisse des menschlichen Sexuallebens eingeführt werden. Deutschstunden, in denen sie mit der neuen Schreibweise gequält werden. Englischstunden, die ihnen das Lispeln des „th“ beibringen sollen.
Und erst die Klassenarbeiten, die Ole und Lennart vor sich haben! Rund 30 pro Jahr. Bei 12 Schuljahren rund 350, wenn sie einmal hängen bleiben, sogar noch mehr. Dreihundertfünfzig! Wobei die Latein- und die Mathearbeiten eigentlich doppelt zählen müssten. Dreihundertfünfzigmal Sorgen vor der Arbeit, große Sorgen, nachdem die Arbeit geschrieben ist, manchmal ganz große Sorgen auf dem Nachhauseweg nach der Rückgabe.
Ungefähr viertausendmal, rundgerechnet, werden sie sich zuhause der bohrenden Frage ausgesetzt sehen:
„Hast Du deine Hausaufgaben schon gemacht?“
Wie ich die beiden kenne, werden sie etwa achthundertundzwölfmal flott flunkern:
„Wir haben nichts auf!“
Ungefähr dreitausendmal werden sie von den Paukern angepfiffen werden, die armen Knaben, weil sie zu spät gekommen sind und weil sie keine Hausaufgaben haben, weil sie ihr Buch vergessen haben und weil man ihre Schrift nicht entziffern kann. Und dass sie sich mal ein Beispiel an den Mädchen nehmen sollten. Auf diese Weise werden sie eingeführt in das eherne Gesetz der Biologie: Der Lehrer ist der natürliche Feind des Schülers und nur die Stärksten überleben.
Aber es lässt sich viel Besseres gegenrechnen, das, was die Schulzeit zu einem wunderbaren Erlebnis werden lässt: Auf sie kommt nämlich nicht nur die großartige Zeit des Lernens zu, sondern auch die erste Blütezeit der großen Gefühle.
Da ist zunächst die unverbrüchliche Solidarität mit dem „Schulfreund“, mit dem man durch dick und dünn gehen wird; den man abschreiben lässt und der einen nicht verpetzt, wenn man dem Englischlehrer das Fahrradventil geklaut hat, der einem hilft, wenn man sich haut und der einem sein Handy leiht.
Aber das ist alles gar nichts gegen das, was auch auf Ole und Lennart wartet: die erste große Liebe.
Jene langhaarigen Heulsusen, die man lange verachtet hat, plötzlich werden sie zu höheren Wesen wie von einem anderen Stern. Ole und Lennart werden schwitzige Hände kriegen und hochrote Köpfe – und die verhauene Mathearbeit wird plötzlich zur läppischen Nebensächlichkeit. All die Schmach und Schande, die der Schulalltag mit sich bringt, werden die beiden locker wegstecken, weil in der zweiten Reihe die bezaubernde Alena mit dem lasziven Augenaufschlag sitzt, den sie noch nicht zu deuten wissen. Oder Katja mit den braunen Augen, die immer so komisch den Kopf nach hinten wirft. Und sie werden diese Liebe für unsterblich halten, obwohl es doch erst die fünfzehntletzte ist…..

Aus: “Kleine Geschichten über Enkel und andere Lichtblicke des Lebens”, Printausgabe: ISBN: 978-3-9810380-1-9, S. 24-27

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