Memory

Hörprobe (und Leseprobe) der Erfahrungen eines alten Mannes beim  “Memory”

Ich spiele mit meinem Enkel Ole Memory. Ole gewinnt immer. Ole ist fast sechs, ich bin fast sechzig. Irgendwie klingt selbst das „fast“ bei ihm anders als bei mir. Bei ihm klingt das „Fast-sechs“ nach „endlich bald sechs“ und „endlich zur Schule“ und „endlich Roller-Blades“. Das „Fast-sechs“ klingt nach Hoffnung und nach Zukunft. Bei mir klingt das „Fast-sechzig“ nach „bald Rentner“, nach „bald siebzig“ und nach Arthritis. Es klingt nach Resignation und Mitleid.
Glaubt man den modernen Erkenntnissen der Wissenschaft, könnte Ole mal 100 Jahre alt werden. Ich bin noch nicht mal sechzig und habe überall Zipperlein. Ständig kommt irgendwas Neues dazu und nichts geht mehr weg. Neidisch gucke ich Ole aus den Augenwinkeln an. Er ist gesund und munter, hat klare, helle Augen, kann gut hören und hat noch alle Haare. Er besitzt vier Bälle, ich hatte in seinem Alter einen aus zusammengebundenen Lumpen. Er hat zwei Brüder, ich hatte nur eine Schwester. Und er beherrscht durch den Kindergarten einen Strauß von Schimpfwörtern, die ich selbst bei meiner Konfirmation nicht zu flüstern wagte.
Schlimmer noch ist, dass Ole beim Memory immer gewinnt. Gerade will ich wieder eine Karte ziehen, da sagt er vorwurfsvoll:„Opa, das ist die falsche“ und er grinst dabei verschmitzt.
Der will mich nur verunsichern, denke ich, aber meine Hand zuckt trotzdem zurück. Der will, wenn ich mich für eine andere Karte entscheide, diese richtige Karte selber nehmen. So weit kommt das noch, dass ich mir bei meiner fast sechzigjährigen Lebenserfahrung von so einem Pöx sagen lasse, welche Karte ich nehmen soll. Ich lächele siegessicher zurück und ziehe die Karte – es ist die falsche.
„Habe ich doch gesagt“, sagt Ole.
Während Ole in der Folgezeit fortwährend richtige Karten aufnimmt und mir jedes Mal einen triumphierenden Blick zuwirft, kommen bei mir die Erinnerungen hoch, schließlich heißt das Spiel „Memory“. Ich sehe mich als fast Fünfjährigen auf dem Dorfe, ohne fließend Wasser, ohne Bälle und ohne „Sendung mit der Maus“.
Ich sehe Ole unverhohlen missgünstig in die Augen.
„Du bist dran, Opa.“ Ich habe wieder nicht aufgepasst. Das ist freilich nicht weiter schlimm und verschafft mir ein sicheres Alibi für mein Versagen. Denn wenn ich aufpasse, kann ich mir nichts mehr merken und die Blamage ist viel größer.
Aber irgendwie habe ich mich an Ole schon gerächt. Ich hinterlasse ihm sein Vaterland in einem Zustand, dass er noch häufig an mich denken wird: ein krankes Gesundheitssystem, leere Staatskassen und leere Schülergehirne, einen am Boden liegenden Wirtschaftsstandort, kurzum, eine aufgeklärte Gesellschaft, die anscheinend den Verstand verloren hat.

Später mal, wenn Ole dereinst erkennen wird, welches Desaster ich und meine Generation ihm hinterlassen haben, wird er sich an mich erinnern. Und dann wird er sagen, kein Wunder, der Opa konnte ja noch nicht mal richtig Memory spielen.

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