Die Rache des chinesischen Drachen

Die ultimative Verschwörungstheorie

Vorweg eine kleine Geschichtsstunde:
Wir schreiben 1839 in China. Den Luxusgütern, die Europa aus China bezieht – Tee, Porzellan, Seide – , haben die Europäer wenig Gleichwertiges entgegenzusetzen, die Handelsbilanz negativ. Der Ausweg: Man zwingt die Chinesen, Rauschgift zu nehmen: Opium. Es funktioniert.
Während China zu Beginn des Jahrhunderts noch einen Überschuss an Silber von umgerechnet 26 Millionen Dollar erzielt hatte, fließen allein zwischen 1826 und 1836 38 Millionen Silberdollar in europäische Hände.
Da Steuern und Gehälter in Silber zu bezahlen sind, ruiniert der sich rasant verschlechternde Umtauschkurs zu Kupfermünzen zahllose Bauern und Handwerker im Kaiserreich, während Beamte ihre Verluste durch Korruption zu kompensieren suchen. Nur der Opiummarkt floriert.
Etwa zehn Prozent der etwa 400 Millionen Chinesen sind der Droge exzessiv verfallen. Die Wirtschaft des Landes kollabiert, die Inflation ruiniert die Währung, viele Menschen versinken in Armut.
Lin Zexu, Sonderbeauftragter des Kaisers von China im Kampf gegen den Opiumhandel, schreibt einen Brief an Englands Königin Queen Victoria , in dem er die Einhaltung der Menschenrechte fordert:
„Wo, bitte, ist Euer Gewissen? Angenommen, es kämen Ausländer nach England, um Opium zu verkaufen und die Menschen zum Konsum zu verführen: das würdet Ihr, ehrenhafte Königin, sicher tief verabscheuen … Wenn Ihr solchen Schaden in Eurem Land nicht zulasst, solltet Ihr ihn doch wohl nicht auf andere Länder übertragen, schon gar nicht auf China!“
Dieser Appell an die Weltmoral juckt die Engländer wenig. Großbritanniens Drogenhändler erklären sich zu Verteidigern des Freihandels und fordern das Eingreifen der Royal Navy. Die Flotte rückt auch an, als die Chinesen aufmucken und in Chinas Häfen mehr als 20.000 Kisten Opium in Flammen aufgehen.
Im 1.Opiumkrieg von 1840 bis 1842 siegen die Europäer dank der militärischen Überlegenheit. Vae victis! Wehe den Besiegten! Das chinesische Kaiserreich muss einen Vertrag unterzeichnen, der britischen Kaufleuten freien Zugang zu ihren Häfen eröffnet, Hongkong wird britische Kronkolonie und China muss 21 Millionen Dollar an Reparationsleistungen zahlen.
Ähnliche Diktate mit anderen westlichen Staaten, die ihre Einflusssphären immer weiter ausdehnen, folgen, während sich die Krisen in China verschärfen. Inflation, Korruption, Naturkatastrophen. Aufstände folgen. Wieder gibt es Krieg, den 2. Opiumkrieg.

Wieder muss China einen „ungleichen Vertrag“ akzeptieren, den Vertrag von Peking vom 18. Oktober 1860, der noch stärker die Eigenstaatlichkeit beschränkt und Territorialverluste einschließt. Weitere Eingriffe in die chinesische Souveränität kommen hinzu. Die Folge: zahlreiche Aufstände (z.B. der Taiping-Aufstand, der mehr als 20 Millionen Tote fordert.) In den 1870ern wird mit fast 5400 Tonnen Opium der Höchststand erreicht, dank der Freigabe des Handels und der Freistellung der Ausländer vom chinesischen Recht.
Der Leidensweg Chinas in der jüngeren Geschichte ist allerdings noch lange nicht zu Ende.

Gegen die Besatzung von Teilen Chinas formiert sich 1900 Widerstand. Die als “Boxer” bezeichneten Aufständischen nennen sich selbst “Verband für Gerechtigkeit und Harmonie”. Die Wut auf ausländische Missionare und die eigene Ohnmacht lassen die Boxer zu einer Massenbewegung werden. Als am 20. Juni 1900 der deutsche Gesandte Clemens von Ketteler umgebracht wird, kommt ein Gegenschlag. Eine Koalition, zu der neben England auch Frankreich, Italien, Österreich, Russland, die USA, Japan und das Deutsche Reich gehören, schlägt den Aufstand nieder. Das deutsche Kontingent wird am 27. Juli 1900 in Bremerhaven in der „Hunnenrede“ mit markigen Worten des deutschen Kaisers verabschiedet: “Kommt ihr vor den Feind, so wird er geschlagen. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei in eurer Hand … möge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!”

Die Europäer siegen. Peking wird mit Plünderungen und Zerstörungen großen Stils bestraft; zahlreiche Kunstwerke werden geraubt. Die europäischen Truppen, schreibt die deutsche Historikerin Sabine Dabringhaus gehen mit summarischer Justiz gegen alle Chinesen vor, die sie für Boxer oder deren Sympathisanten halten.
Deutschland gehört mit zu den Empfängern der 34.683 Tonnen Silber, die China den Mächten im „Boxer-Protokoll“ von 1901 zugestehen muss. Selbst Belgien, die Niederlande, Spanien, Portugal und Schweden erhalten ihren Anteil. Bis 1910 machen die Sühnezahlungen rund die Hälfte des chinesischen Staatshaushalts aus und erzwingen drückende Steuererhöhungen.
Fazit: Deutsche, Amerikaner, Franzosen und Engländer hatten das Land Jahrzehnte besetzt, seine Rohstoffe und Arbeitskräfte ausgebeutet. Kriege und Bürgerkrieg haben die einst stolze Kulturnation China ins Elend gestürzt. (mdr)

Zu dieser von außen aufgezwungenen Demütigung kommt nach dem Zweiten Weltkrieg noch selbstverschuldete Tragik hinzu. Fünfundzwanzig Jahre lang bestimmt Mao die Geschicke Chinas. Permanent initiiert er Umerziehungsaktionen, macht immer neue Zukunftsversprechen, verbreitet Pathos und einfache Weltbilder. Die Hundertblumen Kampagne. Der große Sprung nach vorn. Die Kulturrevolution. Immer neue Luftschlösser werden gebaut, politische Gegner werden von den Roten Garden ermordet.

Mao wird insgesamt für bis zu 40–80 Millionen Tote verantwortlich gemacht, die aufgrund von vermeidbaren Hungersnöten, Bestrafungsaktionen und politischen Säuberungen sterben.
Ende der Geschichtsstunde.

Die Chinesen betrachten ihre Geschichte mit Recht in tausender Jahren, so gesehen sind für sie die Opiumkriege erst vorgestern gewesen und die Hunnenrede war erst gestern. Die Wunden der tiefen Verletzungen sind nicht verheilt und die Demütigungen sind nicht vergessen. Dazu eine kleine „Anekdote“: 1860 wird der einziartige kaiserliche Sommerpalast von englischen und französischen Streitkräften zerstört. In den prunkvollen Gärten werden seinerzeit zwei Figuren des chinesischen Jahreszeitenzyklus die Köpfe abgeschlagen: Einer Ratte und einem Hasen, sie gehören zur Wasseruhr vor dem Brunnen des Palastes.
Als die erbeuteten Skulpturen im Februar 2009 mit dem Nachlass von Yves Saint Laurent in Paris zur Auktion kommen, geht der Zuschlag mit 31,4 Millionen Euro an Cai Mingchao, den Geschäftsführer eines Auktions- und Handelshauses in Xiamen. Der erklärt jedoch unmittelbar danach, dass er nicht zahlen werde. Ihm sei es nur darauf angekommen, an das Unrecht zu erinnern, das China mit und seit den Opiumkriegen geschah.

Es lässt sich erahnen, wie geschichtsbewusste Chinesen reagieren, wenn die Europäer heute Menschenrechtsverletzungen in China beklagen.

(HAZ am 5.5.2021)

Ich nehme an, im Politbüro sitzt man zusammen und lacht sich schlapp. Einer sagt: „Die Hunnenvernichter gebärden sich wieder einmal als die Speerspitze der Weltmoral.“
Ein Zweiter: „Ich finde, es wird langsam Zeit, zu zeigen, wer inzwischen die Macht hat. Die Stunde der Rache ist gekommen!“
Der Fachmann für die Europäische Union erhebt das Wort: „Ich glaube, wir müssen eigentlich gar nichts tun, nur noch ein wenig warten. Die zerstören sich selbst, vor allem die Deutschen. Das einstmals weltweit vorbildliche Bildungssystem der Deutschen ist durch die Masseneinwanderung ruiniert worden. Die Klimaziele führen zwangsläufig zu einer Vernichtung des Wirtschaftsstandortes. Die steigen bis 2030 aus der Kohle aus, wir bauen bis 2030 rund 200 neue Kohleblöcke. Die Autoindustrie darf keine Benziner mehr produzieren.“
„Dann produzieren Mercedes und VW die was Autos eben bei uns, die Fabriken sind ja schon da!“
Allgemeines höhnisches Gelächter.
„In Deutschland wird durch die Weltbeglückungspolitik die Erosion der Sozialsysteme einsetzen, Stromsperren und Autofahrverbote werden den Alltag bestimmen und ganze Industriezweige zu uns abwandern. Sie produzieren lediglich 1,9% der weltweiten Emissionen von Treibhausgasen.
Selbst wenn sich Deutschland und die EU noch so sehr anstrengen, wird das kaum zu einer spürbaren Reduktion der Gesamtemissionen führen und kaum Auswirkungen auf das Weltklima haben.Die wären besser beraten Deiche zu bauen.“ (Wieder allgemeines Gelächter.)
„Für die grünen Garden sind realpolitische Argumente (dass Deutschlands scharfe Begrenzung der Treibhausgase so gut wie keine Auswirkungen auf das Weltklima haben wird) und wirtschaftliche Argumente (dass die Verteuerung des Energiesektors zu einem Ruin des Wirtschaftsstandortes Deutschland führen wird) zweitrangig.“
„Aber die Grünen Garden treiben die Politik vor sich her. Überall wird von fantastischen Aussichten durch was durch einen „Großen Sprung nach vorn“ geschwärmt. Eine grüne Kanzlerkandidatin propagiert: „Wir wollen das System ändern!“
„Im Ernst, sie wollen das weltweit erfolgreichste Wirtschaftssystem nach dem Zweiten Weltkrieg verändern?“
„Ja!“
„Die neuen Grünen Garden reichen allerdings nicht an den Furor der Roten Garden bei uns heran, das sind verweichlichte Großbürgerkindchen, die knicken schon ein, wenn man ihnen die Smartphones wegnimmt.“
„Wir müssen bis dahin nur so tun, als ob wir an deren Seite marschieren, und weiterhin unsere Energieversorgung durch Kernkraftwerke und Kohlekraftwerke stabilisieren und die Konkurrenzfähigkeit ihrer Industrieproduktion beseitigen. Dann haben sie bald nichts Sinnvolles mehr zum Tauschen. Das Interesse an Gendersternchen und veganen Kochbüchern hält sich bei uns in Grenzen.“
Wieder allgemeines Gelächter.
„Dann müssen wir nur noch den Scherbenhaufen einsammeln, wenn die Folgen ihrer emotionalen und gesinnungsbasierten Industriepolitik über die Menschen hereinbrechen. Wie dereinst bei Mao zählt nur die reine Lehre und in Deutschlands Kühlschränken wird eine reine Leere Einzug halten.“
„Und das ist gut so. Wir müssen die Hunnenvernichter nicht mal vernichten, das machen die schon selbst.“
„Aber vielleicht könnten wir sie anschließend mit Opium trösten.“

 

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/kolonialgeschichte-der-boxeraufstand-in-china
https://www.welt.de/geschichte/article122585509/Wie-sich-China-an-London-fuer-den-Boxerkrieg-raecht.html
https://www.welt.de/geschichte/article122585509/Wie-sich-China-an-London-fuer-den-Boxerkrieg-raecht.html
https://www.mdr.de/zeitreise/weitere-epochen/zwanzigstes-jahrhundert/mao-zedong-china-revolution-chaos-personenkult-kampagnen-opfer-100.html