Susi Wendehals’ Aufstieg zur Kultusministerin

„Die deutsche Bildungskatastrophe“ (Georg Picht,1965)
Erna Wendehals’ Schwester Susi haben wir noch gar nicht beim Wickel gehabt. Nun wird es Zeit. Susi Wendehals, zwei Jahre jünger und zwei Grad dümmer, hatte mit Mühe das Abitur auf einer Integrierten Gesamtschule geschafft, wobei das Scheitern eine Leistung gewesen wäre. Sie ging danach sofort an die Universität, um Lehrerin zu werden. Das fremde Leben außerhalb der Schule ängstigte sie, vor allem wegen der vielen Männer. Susi Wendehals gelang nach dem Machtwechsel 1998 ein geradezu kometenhafter und für die Republik typischer Aufstieg. Sie studierte Religion und Kunst, weil mit dieser Fächerkombination die besten Aussichten auf eine Anstellung bestanden. Tatsächlich schaffte sie die Universität im Gegensatz zur Gesamtschule ohne große Mühe, was weniger an ihren verbesserten Leistungen als vielmehr an den noch geringeren Standards lag. Mit besonderer Sorgfalt hatte sie sich der Pädagogik gewidmet. Die Güte und Barmherzigkeit, die durch jede Vorlesung strömte, beeindruckte sie stark und ließ die Erinnerungen an ihre eigene, eher klägliche Schulzeit schnell verblassen. Sie war eingestiegen in eine neue Welt der hohen Ideale und der großen Ziele. Sie war in ein wunderbares Luftschloss eingezogen, in dem sie sich behaglich einrichten konnte. Schöne große Säle mit imposanten Zukunftsgemälden von Chancengleichheit, Integration der Schwachen und Lernen ohne Leistungsdruck machten das Luftschlösschen zu einem angenehmen Luftkurort für weiche Herzen. Susi war auf diese Weise weit weg von der widrigen Wirklichkeit. Aus solch einem behaglichen Domizil verabschiedet man sich nicht so gerne und bekämpft leidenschaftlich diejenigen, die einem das Wolkenkuckucksheim kaputtmachen wollen. Vor allem die, die dauernd mit der Realität in den Schulen kamen. Natürlich entsprachen die Verhältnisse, nein, die Zustände in den Schulen nicht den Luftschlösschen. Die Schulen glichen eher zugigen, ungemütlichen, kargen Hütten. Aber dass die Wirklichkeit nicht den schönen Idealen entsprach, war in Susi Augen ein Armutszeugnis für die Wirklichkeit. Und dass diejenigen versagt hatten, die es nicht schafften, die Schulwirklichkeit an die Ideale anzupassen, war an der Universität die gängige Lehre. In ihrem Referendariat sah sich Susi Wendehals sehr schnell in ihrer Meinung bestätigt. Die verkommene Realität des schulischen Alltages lag natürlich an den verkrusteten Strukturen des Schulsystems, an den veralteten Methoden der Kollegen und an der Überholtheit der tradierten Lerninhalte. Sie dagegen träumte von einer neuen Schule, in der alle Schüler mit großem Eifer lernen, die Stärkeren die Schwächeren ständig ermutigen und unterstützen und die Schüler in Freundschaft und Respekt miteinander verbunden sind. Zensuren betrachtete sie als ein überflüssiges Unterdrückungsinstrument, und das Sitzenbleiben als ein Versagen von Förderung. Diese Vorstellungen von einer neuen Schulwelt verbanden sich auf kongeniale Weise mit dem missionarischen Eifer ihres Hauptfaches Religion, und Susi Wendehals verstand sich als die Speerspitze der neuen pädagogischen Avantgarde. Nur mit unsäglicher Mühe überstand sie das Referendariat. Die Schüler hatten wenig Respekt vor ihren hehren Idealen, sondern nahmen sie schlichtweg nicht für voll. Susis Unterricht ging unter in einem Chaos aus Kreideschlachten und lauter Technomusik, von „Contra“ und „Re“ aus den hinteren Reihen und ständigem Kommen und Gehen. Nichts, aber auch gar nichts wurde bei ihr gelernt. Durch massive Eingriffe der Fachlehrerinnen und der Frauenbeauftragten konnte sie dennoch Examen machen und wurde anschließend sofort Landesfachberaterin für Religion. Sie hatte inzwischen ein in esoterischen Zirkeln viel beachtetes Buch über die Existenz von Engeln geschrieben, was sie für höhere Aufgaben im modernen Schulsystem bestens qualifizierte. So verstand sie es, die schnöde Schulwirklichkeit, in der sie gescheitert war, zu umgehen. Und da sie sich außerdem jener Partei angeschlossen hatte, in der die Schwarmgeister den Ton angaben, lag eine blendende Parteikarriere vor ihr. Als sie auch noch das Glück hatte, dass die Wähler auf den Bluff mit den pädagogischen Windeiern hereinfielen, wurde sie Kultusministerin. Nun, endlich, konnte sie wieder die reine Luft in ihrem Luftschlösschen atmen. Kein noch so bitteres Resultat internationaler Studien, kein noch so vernichtender Vergleich mit anderen Bundesländern konnte sie anfechten. Ihre Unsicherheit und Schwäche verpflichteten sie zudem zu absoluter Linientreue. Und so entstand unter Susis Leitung eine vor sich hinsiechende Schulwirklichkeit, die vor den kritischen Augen der Eltern durch eine pompöse Begrifflichkeit verschleiert wurde. Das war überhaupt die überraschende Erkenntnis jener Jahre, dass, je drängender die Probleme in der Lebenswirklichkeit der Menschen wurden, umso weniger kümmerte man sich um diese Wirklichkeit. Aber vielleicht ist es auch einfach so: Wer nie in seinem Leben etwas realistisch einschätzt, kann auch nicht an Realitätsverlust leiden.

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