.

Mein Golfschwung

 

Beginn der Geschichte "Mein Golfschwung" aus

aus dem Band "Geschichten über kleines Golf" , S. 71- 76

 

Golfschwung

Seine Anweisungen brachten in der Tat einige Lichtblicke hervor, mehr aber auch nicht. Mein Golfschwung blieb unstet und leistungsunwillig. Na warte, dachte ich!

Dann beging ich einen folgenschweren Fehler: Teils aus Geiz, teils aus Überheblichkeit begann ich meinen eigenen Weg zum Golf-schwung gehen zu wollen. Als Erstes gedachte ich, meiner bockigen Bewegung mit einschlägiger Golfliteratur zu Leibe zu rücken. Verblüfft stellte ich dabei fest, dass ein schwunghafter Handel mit Golfliteratur betrieben wurde und der vermaledeite Schwung eine vielfältige Schwungerklärungsindustrie in Schwung hielt.
Ich kaufte mir also Schwungerklärungsbücher. Nur das Teuerste war mir für einen perfekten Schwung gut genug! Nun hieß es lesen!
Zunächst machte man mir Mut: Nur etwa 400 von 650 Muskeln in unserem Körper seien am Golfschwung beteiligt. Das ging ja. Auf der Driving Range hatte ich freilich das Gefühl, ausgerechnet jene 250 Muskeln zum Schwingen zu bringen, die eigentlich mit dem Schwung nichts zu tun hatten. Herausgekommen war kein Schwung, sondern eher eine Schwungstemme, die mir aus leidvollen Erfahrungen in Turnstunden der Schulzeit noch in Erinnerung war.
Nun begann die Phase, in der ich mich auf Teile meines Bewegungsablaufes zu konzentrieren begann. Ich befahl mir, den Ball anzusehen. Die dafür zuständigen zwölf Muskeln (oder sind es 25??) erhielten den Befehl, sich auf die Kugel da unten zu konzentrieren und wurden bei der Ausführung einer strengen Überwachung unterzogen. Ich starrte den Ball an, durchbohrte ihn mit Blicken. Ich schien die Hartgummipille in Hypnose versetzt zu haben, aus der sie jäh erwachte, als das metallische Klacken des Schlägers sie weckte. Der Ball entschwand aus meinem Blick, der immer noch starr auf das Abschlag-Grün gerichtet war, und ich sah fassungslos in die braune Kuhle, die mein Driver in das satte Grün gerissen hatte.
Das Tee war auch weg. Wo es hingeflogen war, wusste ich nicht, ich hatte ja nach unten gestiert.
Der Schläger war bei der Ausholbewegung aus dem Ruder gelaufen. 370 Muskeln, die ich ein wenig aus den Augen verloren hatte, hatten die Gelegenheit genutzt zu machen, was sie wollten.
Das war es also auch nicht.
Allerdings bin ich nicht der Typ, der sich schnell entmutigen lässt. Ich suchte nach einem neuen Weg, wie ich meinem immer störrischer werdenden Schwung beikommen könnte. Am vielversprechendsten erschien mir dabei die Biomechanik. Nach Ben Hogan müsse man dabei nur die Hauptfunktionsphasen zu einer Gesamtbewegung addieren. Aha, das ist doch simpel.
Als erstes las ich mich schlau, was denn unter den Hauptfunktions-phasen zu verstehen sei. Gerade als ich mit dem Addieren begin-nen wollte, erklärte man mir, die Methode sei schon wieder veral-tet: „Bei der moderneren Free-Release-Methode wird die Ver-schiebung des hypermobilen Körperschwerpunktes reduziert und die auftretenden Kräfte werden um den Körper herumgeleitet."
Na also, ist ja noch einfacher. Ich teilte diesen Plan meinem Schwung mit der Bitte mit, sich daran zu halten. Der freilich machte auf begriffsstutzig und brachte Bewegungen zustande,
die mich daran zweifeln ließen, ob ich überhaupt einen Körperschwerpunkt habe.
Aber ich bin ja hypermobil und sah mich nach einer neuen Lehrmethode um.
Ich wurde schnell fündig: Rhythmus ist alles! Es käme vor allem darauf an, die Balance, die Koordination und die Beweglichkeit zu verbessern. Ich sollte es doch mal mit Tanzen und Ballett-Übungen zu Musik versuchen. Aha!
Nun bin ich von Hause aus ein jämmerlicher Tänzer, findet auch meine Frau. Ich hätte kein Rhythmusgefühl und Taktgefühl hätte ich schon gar nicht. Ich beschloss deshalb kurzfristig, meinem Körper, der nicht mal mit einem Tango klarkommt, diese Lehrmethode zu ersparen.
Den Durchbruch erhoffte ich mir vom mentalen Ansatz. Besonders leuchtete mir die bahnbrechende Erkenntnis ein: „Konzentration im Golf ist wichtig. Zu viel oder zu wenig davon kann aber auch kontra-produktiv sein." Na also, das war's doch. Einfach nicht mehr denken, sondern nur noch sehen, fühlen und hören.
Leider zeigten sich bei der Umsetzung dieser Methode gewisse Schwächen. Mein Gehirn tobte, als ich ihm mitteilte, es solle nicht mehr arbeiten, jedenfalls beim Golf. Es habe ohnehin schon so wenig zu tun und solle sich nun auch noch beim Golf raushalten. Wo es doch gerade da sich so gerne seine Gedanken mache. Käme gar nicht infrage, und wo solle das denn hinführen.
Der Praxistest wurde deshalb auch nur bedingt ein Erfolg: Mein Hirn sinnierte weiter unverdrossen über alles Mögliche, aber ich konnte gut sehen, fühlen und hören! Ich sah, wie sich der Ball schnell von der Ideallinie entfernte, fühlte Wut und Entsetzen in mir und hörte in der Ferne den Aufprall des Balles an diversen Baumstämmen.
Immer neue bahnbrechende Hilfen wurden mir angeboten: „Stellen Sie sich vor, dass sich ihr Unterkörper und die Hüften innerhalb eines Weinfasses drehen..."
Der Gedanke gefiel mir, rotweingeschwängert meinen Hintern im Kreis zu bewegen. (Zur Not geht wohl auch Weißwein.) Der Einfluss dieser Methode auf meinen Golfschwung blieb allerdings überschaubar.
Wahrscheinlich heißen all diese Methoden „bahnbrechend", weil man sie nach einer Bahn schon wieder abbricht.
Ich hatte mich inzwischen zu einem guten Analytiker entwickelt: Ich wusste zwar nicht, wie es richtig geht, aber ich wusste immer, was ich falsch gemacht hatte. Dauernd bastelte ich bemüht an meiner Bewegung herum. In meinem Hirn hatte ich ein paar graue Zellen abgeordnet, um ein Glossar für meine Handlungsanweisungen zu erstellen. Auf diese Weise sollte Ordnung in meine Bewegungsabläufe gebracht werden. Dieses Glossar war inzwischen zu einem 20-seitigen Kompendium angewachsen, kleine Schrift.
Und dann tat ich den entscheidenden Schritt: Ich warf das 20-seitige Kompendium in meinem Hirn in den Müll. Ich bin schließlich ein kleiner Golfer und werde immer ein kleiner Golfer bleiben und niemals „großes Golf" spielen.
Das Ding, das fabriziert werden soll, heißt Schwung und nicht „Denk-an-dies-und-das-Bewegung". Schwung. Was für ein schönes, schwungvolles Wort.
So soll es in Zukunft laufen. Beschwingt fahre ich auf den Golfplatz hoch und gehe schwungvoll in das Turnier. Dort schwinge ich mich zu guten und oder weniger guten Schwüngen auf und lasse mich auf den Schwingen meiner Freude in immer größere Höhen tragen. Gleichzeitig bringe ich mit meiner guten Laune unseren gesamten Flight in Schwung.

 

So endet die Geschichte:

Golffreundinnen und Golffreunde!

Verabschiedet Euch von dem dauernden „Denk-an dies-und-das-Desaster“, das uns die wertvollen Tage unseres Golferdaseins vermiest.

Dann liegt Swing-Musik in der Luft und wir haben den richti-gen Schwung, auch wenn der Ball manchmal wild durch die Gegend fliegt!

Oder setzt Euch einfach auf eine Bank und träumt vom perfekten Golfschwung…

 

 

 

Dieser Artikel wurde bereits 70371 mal angesehen.